Autor:innen
Peter Stamm
Freitag, 6. März 2026
20.00 Uhr
Frachtraum Thun
Peter Stamm (* 1963) arbeitet seit 1990 als freier Autor. Nach längeren Auslandaufenthalten in Paris, New York und Berlin lebt er mit seiner Familie in Winterthur. Er schreibt Prosa, Hörspiele und Theaterstücke und Kinderbücher und wurde schon vielfach ausgezeichnet, mit dem Schweizer Buchpreis, dem Solothurner Literaturpreis oder dem Friedrich Hölderlin Preis, und war für renommierte Awards nominiert, darunter der Man Booker International Prize. Seine Werke werden in viele Sprachen übersetzt, und 2023 erschien der Roman "In einer dunkelblauen Stunde" und 2025 die Erzählsammlung "Auf ganz dünnem Eis". Darin sind Texte versammelt, in denen sich Stamm der Alltäglichkeit des Menschseins widmet, in seiner ganz eigenen Weise – und doch erhält jede Figur ihren eigenen Glanz, jeder Moment seine besondere Aura. In präzisen, aber auch fragilen Konstellationen begegnet man als Leser:in diesen Charakteren, trifft sie an in Verhältnissen, die intim sind und doch nicht zu privat, die einem allzu bekannt vorkommen, und die doch, man rätselt, wie, ihr Geheimnis wahren.
Salomé Meier
Freitag, 6. März 2026
20.00 Uhr
Frachtraum Thun
Salomé Meier ist Literaturwissenschaftlerin und Literaturvermittlerin. An der Universität Zürich promovierte sie zur Verbindung von Gender und Technologie mit einem Schwerpunkt auf der Figur des weiblichen Mediums. Sie arbeitet als freie Theater-und Literaturkritikerin, hostet den Literaturpodcast Blattgold und ist Mitglied der Programmkommission der Solothurner Literaturtage. Ihre Arbeit als Literaturkritikerin zeichnet sich durch eine besondere Sorgfalt und liebevolle Präzision aus.
Gina Pelosi
Freitag, 6. März 2026
20.00 Uhr
Frachtraum Thun
Gina Pelosi ist eine leidenschaftliche, vielseitige Sängerin, Musikerin und Songwriterin. Die 25-jährige studiert aktuell an der Zürcher Hochschule der Künste Jazz-Gesang. Nach mehreren Jahren als Bandmitglied in diversen Projekten (u.a. Melina Nora, Anouchka Gwen, Femi Luna) veröffentlichte Gina Pelosi im Oktober 2024 unter ihrem eigenen Namen ihre Debut-Single "Love Eyes", aufgenommen als One-Take im Rahmen einer intimen Studio Live Session der La Gustav 24. Im Folgejahr spielte Gina Pelosi ihre Debutkonzerte mit Band und startete die Produktion ihres Debut-Albums "Don’t Let the Monsters Get You", welches 2026 erscheinen soll. In ihrer Musik umarmt die Sängerin die eigene Verletzlichkeit. Aus Songs werden Orte für Gedanken und Gefühle, die in einer auf Optimierung ausgelegten Leistungsgesellschaft kaum gehört werden. Heartbreak, mentale Gesundheit, Ängste und Unsicherheiten in roher und direkter Form zwingen zum Stillstehen in der Reizüberflutung. Fragile Ehrlichkeit eingewebt in warmen Indie Folk-Pop.
Annika Büsing
Samstag, 7. März 2026
13.00 Uhr
Rathaus Thun
Annika Büsing (*1981) hat evangelische Theologie und Germanistik studiert und einige Zeit auf Island und in Hamburg verbracht. 2022 erschien ihr erster Roman "Nordstadt", der mit dem Mara-Cassens-Preis, dem Deutschen Jugendliteraturpreis und dem Literaturpreis Ruhr ausgezeichnet wurde. Sowohl "Nordstadt" als auch ihr zweiter Roman "Koller" (2023) wurden für die Bühne adaptiert. In ihrem dritten Roman "Wir kommen zurecht" blickt Annika Büsing hinter die Fassade einer Familie, die auf den ersten Blick intakt wirkt, die jedoch an der psychischen Erkrankung der Mutter zu zerbrechen droht. Im Zentrum der Erzählung steht Philipp, fast achtzehn und kurz vor dem Abi, der gelernt hat, sich zusammenzureissen und keine Umstände zu machen. Sein Vater ist ein erfolgreicher Chirurg, seine Mutter kaum mehr als eine verschwommene Erinnerung. Annika Büsing nähert sich ihren Figuren behutsam und erzählt in "Wir kommen zurecht" eine eindringliche Geschichte vom Erwachsenwerden unter widrigen Umständen.
Nora Haddada
Samstag, 7. März 2026
14.00 Uhr
Rathaus Thun
Nora Haddada (*1998, Neunkirchen/Saar) studierte Kreatives Schreiben und Literaturwissenschaft in Hildesheim, Berlin und Paris. 2023 erschien ihr Debüt "Nichts in den Pflanzen" (ecco), 2025 "Blaue Romanze" (S. Fischer). Dieser Roman ist eine Liebesgeschichte, die in ihrer Anlage an Romeo und Julia erinnert, wobei nicht verfeindete Familien dem Glück der «star crossed lovers» im Wege stehen, sondern die erbittert und unversöhnlich geführten Kulturkämpfe unserer Gegenwart. Entlang der Konfliktlinien Israel-Palästina, postkoloniale Theorie und deutsche Erinnerungskultur finden sich der ehrgeizige Berliner Journalist Julian und die aufstrebende Kulturwissenschaftlerin Myriam in zwei Lagern wieder, die sich so meinungsstark wie unversöhnlich gegenüberstehen. "Blaue Romanze" ist ein hochpolitischer Roman, der analysiert, wie öffentliche Debatten das Allerpersönlichste sprengen, wie Diskurse vor unseren Augen entgleisen, entgleist werden und unsere Blicke verengen. Und nicht zuletzt stellt der Roman die grosse Frage, ob Liebe das Potenzial hat, die Grenzen unserer Gewissheiten zu überwinden.
Textstreich
Samstag, 7. März 2026
16.00 Uhr
Café Bar Mokka Thun
Die Gewinner:innen des Lyrikwettbewerbs Textstreich lesen und diskutieren gemeinsam.

Carla Lorenz (*2001, Wien) ist aufgewachsen in Gmunden am Traunsee. Nach einer Ausbildung am Multimedia Kolleg in Wien schliesst sie dieses Jahr am Literaturinstitut Leipzig ab. Mit ihrem Prosatext "Schacht" stand sie auf der Shortlist des Wortmeldungen Förderpreises 2025. Letzte Veröffentlichungen in: die horen, Neue Rundschau. Carla Lorenz lebt in Leipzig.

Sophia Merwald (*1998) studierte Journalistik sowie Film- und Medienkultur-Forschung in Eichstätt, Lillehammer und München. Sie gibt Workshops zum Rage Writing und arbeitet als freie Journalistin. Sie schreibt Lyrik und Prosa, die für verschiedene Preise nominiert wurde, u. a. den Wortmeldungen Förderpreis 2022. Ausserdem war sie Stipendiatin diverser Förderprogramme, etwa des Klagenfurter Literaturkurses oder der Bayerischen Akademie des Schreibens. Ihr Romandebüt wurde mehrfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Alfred-Döblin-Preis 2025 der Akademie der Künste Berlin und des Literarischen Colloquium Berlin. Es erscheint im Frühjahr 2026 im Ullstein Verlag. Sie veröffentlichte in Literaturzeitschriften wie Bella triste, metamorphosen und Das Narr. Sie lebt und arbeitet in München.

Liola Nike Mattheis (*1996, Hamburg) lebt in Berlin, wo sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Leibniz Zentrum für Literatur-und Kulturforschung arbeitet. Ergänzend studiert sie seit 2023 am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Ihre kulturtheoretische und literarische Arbeit verbindet die kritische Beschäftigung mit gesellschaftlichen Naturverhältnissen, Sexuierung und Entwicklung. Im Anschluss an Regelpoesien und politische Literaturen sucht sie nach lyrischen Formen, die dazu beitragen, kapitalistische Wertungen zu destabilisieren.
Debüts
Samstag, 7. März 2026
17.00 Uhr
Café Bar Mokka Thun
Dauer: ca. 90min
Bei der Debütveranstaltung spazieren die Teilnehmer:innen in kleinen Gruppen durch das Mokka. An jeder Station gibt es eine kurze Lesung der jewiligen Autor:in, die:der anschliessend für Fragen zur Verfügung steht.

Jehona Kicaj (*1991 in Kosovo) wuchs in Göttingen auf. Sie studierte Philosophie, Germanistik und Neuere Deutsche Literaturwissenschaft in Hannover. Nach wissenschaftlichen Publikationen erscheinen von ihr seit 2020 auch literarische Texte. Sie ist Mitherausgeberin der Anthologie "Und so blieb man eben für immer. Gastarbeiter: innen und ihre Kinder" (2023). Der Roman "ë" ist ihr Debüt und erzählt vom Kosovokrieg und erinnert an das Leid von Familien, die ihre Heimat verloren haben, deren ermordete Angehörige anonym verscharrt wurden und bis heute verschollen oder nicht identifiziert sind."ë" war für den Deutschen Buchpreis 2025 (Shortlist) nominiert, erhielt den Debütpreis des Buddenbrookhauses 2025 und den HANNA-Literaturpreis der Landeshauptstadt Hannover 2025.

Ozan Zakariya Keskinkılıç (*1989) studierte Politikwissenschaften in Wien, Berlin und Cambridge. 2022 erschien sein Lyrikdebüt "Prinzenbad" im Elif Verlag, 2023 das Sachbuch "Muslimaniac. Die Karriere eines Feindbildes" im Verbrecher Verlag. Seine Texte wurden in Zeitschriften und Anthologien (u.a. anders bleiben, Rowohlt 2023) veröffentlicht und in mehrere Sprachen übersetzt. "Hundesohn" ist sein erster Roman, eine Liebesgeschichte. In Berlin lebt Zeko. Hier trifft er Männer in Parks und Cafés, auf Dating-Apps und vor der Moschee. Doch jedes Mal, wenn sich ihre Lippen berühren, reissen ihn die Gedanken zurück zu Hassan, dem Nachbarsjungen in Adana, den Dede, sein Grossvater, immer nur Hundesohn nennt. "Hundesohn" erzählt radikal und poetisch von Liebe und Begehren. Von der Euphorie und Verletzlichkeit, der Angst und dem Glück, wenn man liebt. "Hundesohn" wurde zahlreich nominiert und ausgezeichnet: Debütpreis des Buddenbrookhauses 2024/25 (Nominierung), Literaturpreis der deutschen Wirtschaft 2026 (Longlist), Rauriser Literaturpreis 2026 (Shortlist), SWR-Bestenliste und ZDF-»aspekte«-Literaturpreis 2025.

Louisa Merten (*1998) verbrachte ihre frühe Kindheit zum Teil in Sambia. Sie studierte am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel, wo sie mit dem Bachelor abschloss, sowie an der Hochschule der Künste Bern Contemporary Arts Practice im Master mit dem Schwerpunkt literarisches Schreiben. 2024 wurde sie mit dem ersten Chrysalide–Binding Förderpreis für Literatur ausgezeichnet. "Hundesöhne" ist ihr Debütroman, der die Geschichte von Ginny erzählt, die ihr Zuhause im Tierheim Le Chat, auch Lösch genannt, findet. Ihre Routine gerät aus den Fugen als die neue Praktikantin auftaucht und Ginny mit ihrer Heimatlosigkeit konfrontiert.
Fitzgerald & Rimini
Samstag, 7. März 2026
21.00 Uhr
Café Bar Mokka Thun
Seit Jahren bewegen sich Fitzgerald & Rimini mit unverwechselbarer Leichtigkeit an der Schnittstelle von Musik, Literatur und Performance. Für die künstlerische Arbeit wurde das Duo – bestehend aus der Spoken-Word-Autorin Ariane von Graffenried und dem Musiker und Klangkünstler Robert Aeberhard – mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Literaturpreis des Kantons Bern für «50 Hertz» (2020). Mit ihrem neuen Album "Ennetlands" entführen Fitzgerald & Rimini das Publikum an Orte, die jenseits der gewöhnlichen Wahrnehmung liegen: In einem kalifornischen Wasserpark flüstert die Stimme einer Meerjungfrau, ein schmelzender Gletscher singt sein letztes Lied und ein Geist aus der Bronzezeit fährt im alten Mercedes durch den Wald. Es sind Geschichten aus Übergangsräumen – poetisch, eindringlich und voller Sehnsucht nach dem Unbekannten, getragen von einem fantastischen orchestralen Klangraum. In der CAFE BAR MOKKA spielen Fitzgerald & Rimini mit Band: Ariane von Graffenried (voc), Robert Aeberhard (b, voc), Kevin Chesham (d), Franziska Bruecker (voc), Simon Rupp (g)
Anna Sommer
Sonntag, 8. März 2026
11.00 Uhr
Rathaus Thun
Anna Sommer (*1968) arbeitet seit vielen Jahren als Comiczeichnerin und Illustratorin in Zürich. Ihren Themen, die immer wieder Realitäten von Frauen umkreisen, nähert sie sich über die genaue Beobachtung: der Umgebung, der Art und Weise, wie Menschen miteinander umgehen, aber auch, wie sie sich bewegen oder kleiden. Daraus entwickelt sich eine ganz eigene, humorvolle, zuweilen groteske, immer aber menschenfreundliche Formsprache. Schon in ihrem allerersten Buch "Damendramen", ein Siebdruck in kleiner Auflage, werden, ganz ohne Worte, haarsträubende Geschichten erzählt, die in all ihrer Ungeheuerlichkeit ganz und gar selbstverständlich daherkommen. Die gelernte Grafikerin erzählt immer auch etwas mit dem Material, das sie wählt. Aus den monochromen Farben eines japanischen Qualitätspapiers entstehen unter Anna Sommers Händen überraschende Bildebenen, worin sich ihre Charaktere traumsicher bewegen. Und dass Anna Sommer ihre Formen und Figuren direkt aus dem Papier schneidet, ohne sie zu skizzieren – sie also gleich mit dem Japanmesser zeichnet – verleiht ihren Comics etwas Märchenhaftes und Wirklichkeitsnahes zugleich. Zuletzt erschien von Anna Sommer "Tinte", wofür sie mehrfach ausgezeichnet wurde, und 2024 wurden sie mit dem renommierten Max und Moritz-Preis als beste deutschsprachige Comic-Künstlerin ausgezeichnet.
Helga Schubert
Sonntag, 8. März 2026
13.30 Uhr
Rathaus Thun
Helga Schubert (*1940, Berlin) ist eine Ausnahmeerscheinung in der deutschsprachigen Literaturlandschaft: 1980 wurde sie an die Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt eingeladen, erhielt aber keine Ausreisebewilligung aus der DDR. Sie zog sich später aus der literarischen Öffentlichkeit zurück, bis sie 2020 erneut nach Klagenfurt eingeladen wurde – und den Bachmannpreis gewann. In diesem kunstvollen Text mit dem Titel "Vom Aufstehen" wird in einem luziden Zustand ein ganzes Leben reflektiert; mit grosser Klarheit benennt sie historische wie auch persönliche Verhängnisse. 2025 erschien der Band der Autorin mit dem Titel "Luft zum Leben", der Texte aus 65 Jahren versammelt. Es sind ganz kurze Geschichten darunter, aber auch lange, Gedichte, Reflexionen, veröffentlichte und unveröffentlichte Texte, wovon einige ganz neu sind, andere nie publiziert werden durften, weil die Druckgenehmigung fehlte. Und nun sind all die Texte nachzulesen, die beispielsweise von der überbordenden Freude berichten, die ein vorbeischwimmendes Schiff in der Ich-erzählerin auslöst, denn das Schiff erinnert sie an die neu gewonnene Freiheit, dass sie, wenn sie wollte, es einfach besteigen und davonreisen könnte. Und so erzählt allein schon diese Zusammenstellung, umso mehr aber die Texte selbst von einem bewegten Lebenslauf – und davon, wie Helga Schubert schon immer nach aussergewöhnlichen Wegen des Erzählens gesucht hat.
Daniel Mezger
Sonntag, 8. März 2026
15.00 Uhr
Rathaus Thun
Daniel Mezger, Jahrgang 1978, in der Schweiz im Kanton Glarus aufgewachsen, ist Theater- und Prosaautor. Nach einer Schauspielausbildung in Bern arbeitete er zunächst mehrere Jahre an Theatern und vor der Kamera in Deutschland. Anschließend Studium am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel, wo er heute unterrichtet. Nebenher ist er Sänger in einer Indieband. Seine Stücke werden im In- und Ausland gespielt. Sein Debüt Land spielen (2012) wurde von der Kritik mit Begeisterung aufgenommen. Bevor ich alt werde ist sein dritter Roman. Daniel Mezger lebt in Zürich.
»Die Frage war nicht, ob, die Frage war, wann man diese Stadt verlässt. Hanover, Ontario.« Charlotte, genannt Charlie, ist das Mädchen an der Gitarre. Mit den Jungs ihrer Band hofft sie auf den Durchbruch. Zu Hause hat sich ihre Mutter schon lange einer Diagnose ergeben, eine heimtückische Erbkrankheit, die mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit auch in Charlotte schlummert. Doch das Versprechen der Jugend ist riesig, und Charlotte will ein freies Leben. Sie nimmt ihre erste Platte auf, es warten Toronto, Detroit, Berlin. Hanover hat sie längst hinter sich gelassen – aber die mögliche Krankheit rückt näher. Spätestens als sie Jason trifft und irgendwann ein Kinderwunsch im Raum steht, muss sie sich der Frage stellen, ob sie sich testen lassen soll. Ob sie wissen will, was ihr Leben für immer bestimmen könnte. Altwerden könnte bei ihr früh beginnen.
Mitreißend erzählt Daniel Mezger von einer Auflehnung gegen ein perfides Schicksal, das eine junge Frau mit ihrer Mutter bereits vor Augen hat. Ihre Freiheitssuche beschert ihr immerhin eine launische Musikkarriere, und mit treibendem Groove wird die womöglich fatale Diagnose überholt, überspielt und mit lapidaren Dialogen vom Sockel der Betroffenheit geholt.
Dmitrij Kapitelman
Sonntag, 8. März 2026
16.30 Uhr
Rathaus Thun
Dmitrij Kapitelman (*1986, Kiew) studierte Politikwissenschaft und Soziologie in Leipzig und Journalismus in München. Nach dem Debüt "Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters" (2016) und "Eine Formalie in Kiew" (2021) erschien 2025 sein dritter Roman "Russische Spezialitäten" (alle Hanser), der auch auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2025 stand. Der Romantitel verweist auf den Schauplatz dieses Familienromans, einem Spezialitätengeschäft, das von einer russisch-ukrainisch-jüdischen Aussiedler-Familie betrieben wird, durch deren Figuren sich nach dem russischen Überfall auf die Ukraine 2022 Risse ziehen. Besonders verkörpert das etwa der jüdische Ich-Erzähler, dessen Muttersprache Russisch ist, der sich aber als Ukrainer sieht und deswegen als «Fascho» beschimpft wird. Der Roman beleuchtet – mal humorvoll, mal lakonisch, mal messerscharf – das Politische im Privaten und führt am Beispiel der Familie vor, wie ein Krieg Identitäten und Beziehungen bricht und Löcher bis in den eigenen Mund, die eigene Sprache reisst.